Deutschland muss in Psychotherapie

20. September 2013 - 14:05 |

Ich bin natürlich kein Psychiater oder Psychologe. Aber stellen Sie sich einmal folgende Situation vor. Ein Patient kommt zum Arzt. Dort wiederholt er immer wieder die Worte "Sie wollen mich töten" oder faselt davon, dass der Koffer im Wartezimmer gleich explodieren wird. Eine "internationale Verschwörung" verfolge ihn (den Patienten) und wolle "ihn in die Luft jagen und wenn sie selbst dabei sterben".

Die meisten mir bekannten Ärzte würden nun erst einmal den Patienten auf Paranoia und/oder Angststörungen untersuchen.

Was hat dies mit Deutschland zu tun? Die Debatte um Terrorismus nimmt solche krankhaften Züge an. Tatsächlich ist es deutlich gefährlicher im Sommer schwimmen zu gehen. Jeder von uns lebt jeden Tag mit einer ganzen Reihe von Risiken. Realistisch betrachtet gehört dazu beispielsweise die Benutzung eines Treppenhauses (stolpern, stürzen, sterben!), öffentlicher Straßen (einen Moment nicht aufgepasst und von einem fallenden Klavier erschlagen), der Besuch beim Arzt oder im Krankenhaus (jedes Jahr sterben tausendfach mehr Menschen an Infektionen durch Krankenhausbesuche als an Terrorismus) oder die Verwendung eines beliebigen Haushaltsgerätes zu diesen Risiken. Terrorismus? Statistisch betrachtet gehört Terrorismus nicht in diese Aufzählung, wenn man nicht gerade in Hochrisikoländern wie dem Irak oder Afghanistan gehört. Selbst der Tod durch Flugzeugabstürze oder ein Lotteriegewinn sind wahrscheinlicher als Opfer eines Terroranschlags zu werden.

Also - realistisch betrachtet haben wir kein Terrorrisiko in Deutschland. Soweit die Fakten.

Dennoch. Wir haben Angst. Das zu leugnen wäre falsch. Jeder von uns schleppt eine diffuse Angst mit sich herum, dass dieser Koffer doch explodiert, jener Bärtige ein Terrorist ist - und der Nachbar sowieso ein Serienmörder. Das ist normal - das ist geradezu menschlich. Den Terrorismus können wir nicht verstehen.

Klar. Auf der Treppe ausrutschen und fallen, das verstehen wir. Die Mechanik ist klar, was wir dagegen tun können auch. Selbst Banküberfälle, Geiselnahmen oder organisierte Kriminalität können wir - bei aller Abscheu - mit dem Verstand noch begreifen. Daher haben wir davor auch nicht so viel Angst. Terrorismus ist unbegreiflich. Wie Menschen einfach so - ohne jeden Grund - andere Menschen töten können, das verstehen wir nicht. Daher fürchten wir es. Das ist menschlich.

Ängste begleiten uns aber immer. Das Unwohlsein, wenn man den dunklen Keller betritt, die Abscheu vor der Spinne, das mulmige Gefühl wenn man den Boden im Wasser nicht mehr sieht ..

Zum Problem - zur pathologischen Angststörung - wird es aber dann, wenn diese Angst anfängt unser Leben zu bestimmen. Wenn wir beispielsweise nicht mehr in den Keller gehen, weil die Dunkelheit uns Angst macht. Wenn wir das Wasser nicht mehr betreten, weil ein Hai darin lauern könnte. Oder wenn wir anfangen, alle Menschen zu verdächtigen und Milliarden für Überwachung auszugeben, weil ja ein Terrorist aus der Schachtel springen könnte...

Wir haben eine jahrhundertelange Entwicklung hinter uns, die notwendig war um eine freie Gesellschaft aufzubauen. Gerade eben sind wir dabei, diese Entwicklung einzureißen, weil wir uns von Angst beherrschen lassen. Weil wir vor dem statisch absolut vernachlässigbaren Risiko eines Terroranschlags Angst haben, vernachlässigen wir die echten Risiken und verbauen uns unsere Zukunft. Die Ausgaben zur Terrorbekämpfung - die Angstbekämpfung - kostet uns jedes Jahr mehr Geld, als der Bund für Bildung ausgibt.

Deutschland wird derzeit von Angst beherrscht. Mich stört das. Ich möchte mein Leben nicht von Angst leiten lassen. Ich möchte sagen können "Ich bin ein mündiger, verantwortungsbewusster Mensch. Ich entscheide für mich alleine und ich lasse mir nicht von meinen Ängsten mein Leben ruinieren". Der Kampf gegen die eigenen Ängste gehört zum Erwachsenwerden dazu.

Es wird Zeit, dass Deutschland erwachsen wird. Denn ansonsten lauert am Ende der Angststörung nur die Depression, die Panik und eine Abwärtsspirale.

Ein erster Schritt wäre die Akzeptanz "Ja, ich habe eine Angststörung". Als zweites könnten wir beispielsweise die Ausgaben für innere Sicherheit wieder auf Pre-2001-Maße zurechtstutzen. Mit den gesparten Milliarden können wir etwas gegen Krankenhauskeime tun, Bildung und damit Zukunft fördern und die Hartz-IV-Sätze etwas erhöhen. Das wäre auch gut für die Wirtschaft, es wäre ein Schritt für mehr Bürgerrechte und raus aus der Angstfalle.

Angststörung oder Mündigkeit - es ist eure Entscheidung.

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