Ein Jahresanfang ist traditionell die Zeit für wehmütige Rückblicke, gute Vorsätze und die  Erwartung, dass im nächsten Jahr alles anders wird. Die politische Debatte 2012 war geprägt von vielen Themen, besonders aber von der Eurokrise und der ökologischen Nachhaltigkeit. Letztere war zwar verdeckt hinter Debatten zur Energiewende oder zum Klimawandel; schlussendlich ging es aber doch in weiten Teilen um Nachhaltigkeit. Trotz der fundamentalen Bedeutung dieser Themen fehlte es jedoch am Willen zu grundsätzlichen Veränderungen. Statt dessen wurden ganze Berge an kurzfristigen Aktionsvorschlägen eingebracht und Aktionen gestartet, die vor allem die eigene Hilf- und Ratlosigkeit überdecken sollten.

Interessanterweise werden Eurokrise und ökologische Nachhaltigkeit damit von einem dritten Schlagwort beherrscht – Integrität – beziehungsweise dem Mangel daran. Zur Integrität gehört, dass wir ehrlich benennen, welche Optionen wir haben, wohin sie uns führen und welche Probleme sich dadurch ergeben werden. Und leider findet genau dies derzeit nicht statt. Eine Debatte über die grundsätzlichen Probleme findet nicht statt, stattdessen verlieren wir uns im alltäglichen Klein-Klein.

So diskutieren wir beispielsweise auf internationalen Konferenzen nun schon unzählige Jahre, wie man einzelne CO2-Reduktionen durchsetzen kann. Das ist Symbolpolitik der schlechtesten Sorte. Denn tatsächlich reicht eine CO2-Reduktion bei weitem nicht aus. Statt dessen müssten grundsätzliche Änderungen unserer Verhaltensweisen diskutiert werden. Selbst eine Reduktion des CO2-Ausstoßes würde bedeuten, dass andere Treibhausgase den Effekt nivellieren würden. Der ständige Abbau natürlicher Ressourcen wird sein Übriges dazu tun. Wer die Preise für Metalle und seltene Erden oder den Evergreen Erdöl im Auge behält, der weiß: Besonders lange wird es nicht mehr gut gehen. Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass wir schlicht keine natürlichen Ressourcen mehr verbrauchen dürfen.

Eine ehrliche Debatte darüber wäre dringend erforderlich. Welche Auswirkungen hat dies auf unsere Vorstellungen von Wohlstand? Benötigen wir dafür wirklich Wachstum? Natürlich nicht. Niemand würde annehmen glücklicher zu werden, nur weil die Stereoanlage jedes Jahr größer wird (besser vielleicht, aber nicht notwendigerweise größer). Dennoch ist es genau diese Ideologie ("Größer ist besser!"), die wir in der Wirtschaft seit Jahrzehnten verfolgen. Wir haben Qualität durch Quantität ersetzt. Das ist unsinnig und wir werden dringend und schnell neue Modelle entwickeln müssen.
Wir müssen die bequeme These, dass uns eine zukünftige Technologie retten wird, über Bord werfen. Wunschträume von der überübernächsten Generation der Solarkollektoren, die so viel effizienter sein sollen, Kernfusion, die unsere  Recyclingprobleme lösen soll, sind eben nur Wunschträume, die allenfalls zum Nichts-Tun verleiten und die Situation nur weiter verschlimmern. Tatsächlich könnten wir genauso gut darauf setzen, dass Aliens vorbeikommen und uns Materietransformatoren bringen, oder dass mit einem himmlischen Licht und einem weltweiten Gluckern die ausgepumpten Öllager wieder aufgefüllt werden. Nichts davon ist realistisch, und auf nichts davon dürfen wir uns verlassen.

Genau das gleiche trifft auf die Eurokrise zu. Natürlich werden wir für griechische Schulden zahlen müssen. Ob wir das wollen oder nicht, ist völlig irrelevant – und es war allen Beteiligten in der Politik von Anfang an klar. Ob wir das Kind nun Schuldenschnitt taufen, Umschuldung, Zahlungsunfähigkeit oder langfristige Stundung von Zinsen ist dabei völlig egal. Die etablierte Politik tut gerade so, als müssten wir nie die Konsequenzen für unser Verhalten übernehmen. Das ist aber falsch.
Wir haben in den letzten 40 Jahren Schulden gemacht. Irgendwann wird die Zeche fällig. Solange das unbegrenzte Wachstum weiterging, war dies ein funktionsfähiges Modell – aber dessen Grenze haben wir nun erreicht. Es funktioniert schlicht nicht mehr. Und deshalb sind all die kleinen Reförmchen auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.  Umschuldungsmaßnahmen, neue Zahlungsmargen, Eurobonds und was es sonst noch an mehr oder weniger diskutierten Maßnahmen gibt, es sind alles nur kurzfristige Optionen, um den großen Crash ein Stück nach hinten zu verschieben. Dies alles sind Maßnahmen, geboren aus der (bereits angesprochenen) Ratlosigkeit, weil man sich scheut, über unbequeme Alternativen nachzudenken, weil man die tatsächlichen und grundlegenden Probleme nicht angehen will. Wir alle wissen, dass wir auf eine Klippe zusteuern, ob wir das nun mit Tempo 200 oder 180 machen, ändert nicht viel.

Die schlichte Tatsache im Hintergrund ist, dass wir unser Verhalten ändern müssen. Zukünftige Gesellschaften werden nie wieder so sorgenfrei sein, wie es diese Gesellschaft gerade ist. Und darauf müssen wir uns einstellen. Wir müssen die liebgewonnenen Lebenslügen wegwerfen und uns darauf vorbereiten, dass wir die Konsequenzen für unser Verhalten endlich selbst tragen müssen.
Dazu gehört, dass wir die Wachstumslüge beenden müssen und damit beginnen Nachhaltigkeit als eine Frage der regenerativen Nutzung von Ressourcen und als Generationenfrage zu verstehen. Dazu gehört aber vor allem die Frage "Was ist uns wirklich wichtig". Was wollen wir uns erhalten, auf was können wir nicht verzichten?

Es passt daher, dass nach dem Mayakalender ein neues Zeitalter begonnen hat. Es sollte das Zeitalter der Integrität und der Nachhaltigkeit werden, denn die beiden Begriffe sind untrennbar miteinander verbunden. Für 2013 wünsche ich mir von der Politik mehr Integrität. Vor allem die Integrität, deutlich zu sagen, woran wir sind und wohin wir steuern. Wir müssen unser Verhalten ändern. Dies sollten wir uns ehrlich eingestehen!

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This Work, Integrität statt Symbolpolitik - der erste Schritt zu mehr Vertrauen in die Politik, by Sebastian Nerz is licensed under a Creative Commons Attribution license.

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  1. Integrität statt Symbolpolitik - der erste Schritt (nicht überprüft) on 2. Januar 2013 - 16:10

    [...] Integrität statt Symbolpolitik - der erste Schritt zu mehr Vertrauen in die Politik From www.tirsales.de (via ) - Today, 4:10 PM [...]