Am 09.11.2012 war die Absolventenfeier des Wilhelm-Schickhardt-Institutes der Universität Tübingen. Auf Einladung der Fakultät habe ich dort die Absolventenrede gehalten, Schwerpunkt der Rede war die gesellschaftliche Verantwortung der Informatik.

Auf Bitte eines Kommilitonen hier das Manuskript, wie immer gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,

zuerst einmal möchte ich mich ganz herzlich dafür bedanken, hier reden zu dürfen. Die Anfrage von Prof. Küchlin hat mich sehr gefreut und geehrt.

Tradition ist es ja, dass in den Absolventenreden die eigene Arbeit dargestellt und damit ein aktuelles Thema beleuchtet wird. Ich möchte mich bei meiner Diplomarbeitsbetreuerin Dr. Nieselt ganz herzlich für die Betreuung bedanken! Aber ich werde dennoch über ein anderes Thema reden. Meine eigene Diplomarbeit liegt jetzt mittlerweile auch fast zwei Jahre zurück. In der Bioinformatik ist das eine Ewigkeit, wenig verwunderlich in einem so jungen Feld. Zudem war es ein eher trockenes Thema, kaum geeignet für einen Vortrag.

Ich möchte daher über etwas anderes reden. Ein Studium ist immer auch eine Gelegenheit, sich über die eigenen Ziele und Vorstellungen klar zu werden. Nachzudenken, was man erreichen will. Die fachliche Beschäftigung mit einem Thema bringt hoffentlich auch immer die persönliche Beschäftigung damit mit. Und da ich nicht über das Fach sprechen werde, rede ich also über die andere Seite - Über die gesellschaftliche Relevanz und Verantwortung der Informatik. Denn diese wiederum ist enorm, auch wenn sie kaum richtig wahrgenommen oder debattiert wird.

Die Informatik, zumindest in dem Verständnis das wir heute von ihr haben. ist allgemein eine relativ junge Wissenschaft. Der Begriff selbst lässt sich auf eine Veröffentlichung von Karl Steinbuch im Jahr 1957 zurückführen, seit etwa dem Ende der 60er Jahre ist es eine eigenständig Wissenschaft. Natürlich gab und gibt es in der Informatik viele Debatten um Ethik, um die besondere ethische Verantwortung des Wissenschaftlers oder Ingenieurs, aber nur wenige Studenten beschäftigen sich mit den besonderen Herausforderungen, die man gerade als Informatiker hat. Die allgemeinen ethischen Grundsätze für Wissenschaftler sind wichtig, aber sie sind eben nicht ausreichend. In den Lebenswissenschaften ist man hier bereits weiter. Natürlich, wer denkt auch bei Fragen der Genetik oder der Medizin nicht an ethische Fragestellungen und die gesellschaftliche Verantwortung? Nein, Ethik und die besondere gesellschaftliche Verantwortung, die ein Informatiker im Unterschied zu jedem anderen Wissenschaftler hat, die spielt für die meisten Studenten keine besonders große Rolle. Warum auch. Die Informatik stellt keine Waffensysteme her. Wir verändern keine Lebewesen. Wir sind als Menschen zumeist friedfertig und manchmal ein bisschen spleenig, aber wie Dilbert beweist kann man gut mit uns lachen.

Nur ist das alles ein großer Irrtum.

Wir müssen uns dabei nicht Waffensysteme anschauen. Denn natürlich gibt es diese Problematik auch in der Informatik. Autonome Drohnensysteme sind der aktuelle Fokus der militärischen Entwicklung – und die Neuerungen dabei sind zum größten Teil auf dem Feld der Informationsverarbeitung und der Robotik. Die Waffen und Fluggeräte sind zum großen Teil schon länger möglich, nur die Steuermöglichkeiten sind neu. Wir müssen uns auch nicht das so genannte Schlachtfeld der Zukunft ansehen. Allerspätestens Stuxnet präsentierte, dass die Debatten darum nicht übertrieben sind. Cyberwar-Lagezentren gehören mittlerweile zur selbstverständlichen Einrichtung jedes Verteidigungsministeriums, damit beschäftigte Experten in jeden Generals- und Planungsstab.

Nein, lassen wir Cyberwar, Drohnen und automatische Waffensysteme mal beiseite. Lassen wir auch die Vernetzung von Geheimdiensten, SIGINT und artverwandte Bereiche mal komplett links liegen.

Die Informatik ist zu einer Grundlage aller wissenschaftlicher Arbeit geworden, genauso wie es früher die Mathematik war. Egal ob es nun Recherche bei Geisteswissenschaftlern ist, die Auswertung von Radioteleskopen in der Astronomie oder die Simulation von Entwicklungen in der Biologie. Damit müssen sich Informatiker natürlich auch mit den ethischen Regeln und der besonderen Verantwortung ihrer jeweiligen Arbeitszweige auseinandersetzen. Aber auch davon will ich hier nicht reden, auch wenn es wichtig ist.

Nein, mir geht es um die besondere Verantwortung, die sich gerade und besonders für die Informatik ergibt. Denn die Informatik hat eine solche Bedeutung für unsere moderne Gesellschaft und für ihre Entwicklung, dass sie sich dieser besonderen Relevanz auch mit eigenen Regeln stellen muss.

Der Gedanke ist nicht neu. Seit 1994 gibt es auch ethische Leitlinien der Gesellschaft für Informatik. Diese Leitlinien berufen sich auf die allgemeinen Regeln der wissenschaftlichen Arbeit, aber auch auf die gesellschaftlichen Auswirkungen der Informatik. Leider sind sie dort nicht weitergehend definiert, denn genau in diesem Bereich wird es interessant.

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem grundsätzlichen und sehr weitgehendem Wandel. Jeder Einzelne von uns hier ist davon betroffen. Nicht nur, weil wir als Informatiker ganz direkt damit zu tun haben. Nein, unser Privatleben wird auf den Kopf gestellt. Die technologische Entwicklung bedingt einen Wandel, der mit den Veränderungen durch Buchdruck oder Industrialisierung vergleichbar ist.

Diese Aussage ist mittlerweile zu einem Bonmot geworden und damit praktisch wertlos. Wir müssen uns klar machen, was diese Auswirkungen tatsächlich sind und wie weitgehend diese Änderungen sind.

Am einfachsten geht dies, wenn wir uns eine Welt ohne Informatik – ohne die automatische Verarbeitung von Informationen – vorstellen. Sie wäre völlig anders, als die Welt die wir heute kennen. Automatisierte Informationsverarbeitung begegnet uns überall.

So gäbe es beispielsweise keine Globalisierung. Der globale Handel in der Form wie wir in heute kennen – aber vor Allem der virtuelle globale Handel – sind nur möglich, weil im Hintergrund die immensen anfallenden Datenmengen automatisch verarbeitet werden können. Logistik in der Form wie wir sie kennen und bei der Liefergeschwindigkeit unserer Onlinebestellungen schätzen ist nur möglich, weil Logistiksysteme den Datenfluss, die Transportrouten, die notwendigerweise chaotische Lagerhaltung, etc analysieren, auswerten und automatisch Prognosen für die Zukunft erstellen. Oder nehmen wir Wettervorhersagen – wenn man mehr als einzelne regionale Bedingungen einkalkulieren möchte, wird die Informationsmenge schnell so groß, dass nur noch automatische Systeme diese beherrschen können. In New York retteten diese Vorhersagen vielen Menschen das Leben.

Und wenn wir bei der Gesundheit sind – die Bildgebenden Verfahren in der Medizin sind für einen Gutteil der Verbesserungen der medizinischen Versorgung in den letzten Jahren verantwortlich. Das wir nicht mehr lange auf ein Röntgenbild warten müssen – und dass dieses schärfer und übersichtlicher als je zuvor ist, liegt schlussendlich an der Informatik. Genauso die Beschleunigung der Erforschung von Impfstoffen – Bioinformatik und die damit verbundenen Fortschritte und Beschleunigungen der Genetik, genauso wie Chemoinformatik und Proteinchemie. Röntgenkristallstrukturanalyse? Ohne Informatik nicht vorstellbar.
Oder was ist mit dem „Sarcastic Rover“ auf Twitter? Eine humorvolle Kommentierung der Curiosity-Mission. Nun, ohne die heutige Informatik gäbe es ein derartig komplexes System wie die Curiosity-Sonde nicht. Weder die Steuerung der Sonde noch die Verarbeitung der Sensordaten oder Bilder wäre möglich. Aber vor Allem gäbe es auch kein Twitter.

Auf den ersten Blick ist das eine triviale Veränderung. Kein Twitter, keine mal weniger und häufig mehr ablenkenden Nachrichten von Bekannten und Unbekannten. Keine Debatten, verkürzt auf 160 Zeichen. Kaum ein gesellschaftlicher Verlust. Aber andererseits werden die sozialen Netzwerke für eine grundlegende Krise des Journalismus verantwortlich gemacht. Ganz so unbedeutend kann die Veränderung also nicht sein.

Informatik steht im Hintergrund der Beschleunigung des wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritts. Neue Recherchemöglichkeiten, Simulationen statt langwieriger Experimente, globale und unmittelbare Kommunikation, aber vor Allem die schnelle und einfache Aufbereitung des weltweiten Wissens ermöglichen ein Forschungstempo, dass wir uns vor wenigen Jahren noch nicht vorstellen konnten.

Dennoch ist für die Gesellschaft das sichtbarste Phänomen des Informatik-induzierten gesellschaftlichen Wandels das Internet. Ich betrachte es hier nicht als reines Netzwerk von Netzwerken im Hintergrund sondern als quasi-gesellschaftliches Gesamtphänomen.

Vermutlich besitzt jeder hier im Raum ein Smartphone, einen oder mehrere Notebooks und Computer. Jeder verwendet heute bewusst oder unbewusst das Internet. 97,7% der Jugendlichen sind online, bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind es 75,6%. Aber die tatsächliche Internetnutzung geht weit darüber hinaus – Telefonverbindungen werden über Voice-over-IP getunnelt, Navigationsgeräte nutzen Netzverbindungen, Kameras laden die Bilder gleich auf Picasa hoch und Schrittzähler melden die heutige Laufstrecke an Facebook.

In „Zurück in die Zukunft“ wird dies nett persifliert. Doc Brown betrachtet die Kamera, die Marty McFly aus der Zukunft mitgebracht hat und meint sinngemäß „Ein tragbares Fernsehstudio. Kein Wunder das euer Präsident Schauspieler ist, er muss im Fernsehen gut ankommen.“ Wie stärker wäre dies in unserer Zeit, in der Jeder von uns ein tragbares Rundfunkstudio mit Sender in der Tasche trägt? Folgerichtig sind auch Obamas Tränen nach der Wahl in der medialen Berichterstattung wichtiger als die Plenardebatten des bundesdeutschen Parlamentes.

Das sind alles Spielereien, ohne die wir leben könnten. Aber tatsächlich sind solche Spielereien nur Symptome für die Verfügbarkeit neuer Technologie. Und der gesellschaftliche Wandel hat seine Voraussetzungen immer auch im technologischen Wandel. Schrift und Städtebau ermöglichten die Weitergabe von Wissen und den Beginn einer Spezialisierung in der Bevölkerung. Die Entwicklung von Kulturtechniken wie Straßenbau und Pferdedressur ermöglichte den Aufbau von Imperien und damit der Beschleunigung der Informationsverbreitung. Der Buchdruck ermöglichte oder erzwang die Reformation, seine Verbilligung, Verstädterung und staatliche Schulen ermöglichten die Aufklärung. Das Aufkommen schneller Schiffe und globaler Kommunikationsmethoden ermöglichte intensiven internationalen Handel und die umgangssprachlich so genannte Globalisierung, hier der Produktion und der Ressourcen.

Jetzt sehen wir die zweite Stufe der Globalisierung. Es handelt sich um die tatsächliche Globalisierung von Information und Kommunikation, um die Virtualisierung und permanente Verfügungsstellung davon. Und spätestens hier sieht man den direkten Einfluss der Informatik. Es geht um Information. Und damit diese überall verfügbar und beherrschbar wird, brauchen wir eine starke Informationsverarbeitung.

Damit einher geht eine grundsätzliche Veränderung der Diskussionskultur – die sich von der bisherigen Top-Down-Mechanik der Informationsverbreitung stärker zu bidirektionalen Methoden und Feedbackkanälen weiterentwickelt. Die weitere Entwicklung kann wieder gegenteilig werden, das werden wir noch sehen.

Wir haben damit auch eine Veränderung der Informationsverbreitung. War es früher Staaten möglich, die Berichterstattung aus ihrem Land einzuschränken oder zumindest massiv zu verlangsamen, so ist dies heute kaum noch erkennbar. Der sogenannte arabische Frühling hat dies deutlich gemacht – es steht heute beinahe ohne Zeitverzögerung mehr Information über Entwicklungen zur Verfügung, als dies alle Presseagenturen der Welt zusammengenommen schaffen. Natürlich sehen wir damit auch einen starken Anstieg der Fehlinformationen.
Das verändert den gesellschaftlichen Anspruch an Debatten. Das Aufkommen einer neuen Partizipationsbewegung – oder des Wutbürgerphänomens, wenn man es weniger positiv sehen will – ist eine unmittelbare Folge dieser Entwicklungen. Die Entwicklung der Informatik ermöglicht es der „breiten Masse“ sich öffentlich zu äußern und direkt beispielsweise in politische oder soziale Dialoge einzubringen. Früher war dies vor Allem Menschen in Machtpositionen vorbehalten, heute ist das ein ganz selbstverständliches Jedermannsrecht. Damit entstehen Chancen und Risiken für demokratische Prozesse. Eine fortwährende Debatte ist beispielsweise wenig zielführend, jede öffentliche Äußerung wird noch stärker wahrgenommen und bewertet als früher, wir sehen eine Emotionalisierung des politischen Diskurses und einen Hang zur Vereinfachung der immer komplexer erscheinenden Zusammenhänge. Gleichzeitig sehen wir, wie direktes und unmittelbares Feedback von Betroffenen dazu anregen kann, Entscheidungen im Vorfeld zu verbessern oder Fehler zu vermeiden, bevor sie entstehen.
Diese Entwicklung hat zwei Seiten und daraus entsteht die besondere Verantwortung der Informatik. Denn die Informatik ist die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung – und sie ist die Wissenschaft, die diese Entwicklung begleiten wird und die maßgeblich dafür verantwortlich ist, ob die Entwicklung in eine positive Richtung weitergeht oder nicht.

Denn Daten für sich genommen haben keinen besonderen Wert, erst wenn sie verifiziert, in einen Kontext mit anderen Daten gesetzt und damit zu Informationen veredelt werden, entsteht daraus neues Wissen und damit ein Wert für sich genommen. Die Entwicklung des weltweiten Wissens ist atemberaubend. Es gibt unterschiedliche Arten Wissen zu bewerten und zu zählen und unzählige Debatten über die Geschwindigkeit der Wissensentwicklung. Die zumindest populärwissenschaftlich am häufigsten zitierten Zahlen besagen, dass es zwischen 1800 und 1900 eine Wissensverdopplung gab, im gleichen Zeitraum zwischen 1900 und 2000 eine Verzehnfachung des Wissens – und heute etwa alle fünf Jahre eine Verdopplung der Menge des Weltwissens. Andere Zahlen sind hier bedeutend konservativer, einig sind sich aber alle Studien in einem Punkt: Die Entwicklung des Weltwissens beschleunigt sich, die Entwicklung der reinen Datenmenge beschleunigt sich noch viel stärker.

Vergesst die Bibliothek von Alexandria, vergesst die Kongressbibliothek, jedes Smartphone speichert heute mehr Daten. Was wir heute ganz selbstverständlich abtun, war früher unvorstellbar.

Kommunikation ist allgegenwärtig, wo sich jemand aufhält ist weitgehend irrelevant – solange er Zugriff auf das weltweite Netzwerk hat. Wissen ist überall verfügbar, für jeden zugänglich. Wir leben im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft und solange ein ausreichendes Maß an Medienkompetenz vermittelt wird, werden alle Menschen davon profitieren. Die Allgegenwärtigkeit von Wissen ist ein Weg zur Egalisierung sozialer Unterschiede.

So schön diese Vorstellung auch ist, so wenig ist sie real. Die Allgegenwärtigkeit von Wissen ist eine Illusion, eine Utopie. Genauso wie es die freie Verfügbarkeit von Wissen ist. Egal wie gut dieser Zugriff theoretisch auch sein mag, die Schwierigkeit liegt in der Filterung, in der Verarbeitung von Daten zu Wissen und in der Frage, wer die Filtermechanismen kontrolliert.

Es ist ein weiteres Bonmot: Wer die Daten kontrolliert, der kontrolliert die Welt. Und genauso wenig richtig wie die tatsächliche Allgegenwärtigkeit von Wissen ist die Feststellung, dass Daten das schwarze Gold von heute wären, das Erdöl des 21. Jahrhunderts.

Erdöl wird nicht weniger wichtig – genauso wenig wie Gold es wurde. Informationen und Daten sind eine weitere Ressource um die gekämpft wird und die in der Vergangenheit immer stärker oligopolisiert wurden – Glencore hat mittlerweile als größter Player einen Jahresumsatz von knapp 145 Milliarden und ist größter Anteilseigner der Firma xstrata mit knapp 23 Milliarden Umsatz auf den Rohstoffmärkten. Diese Oligopolisierung sehen wir auch in der Informationsverarbeitung. Amazon mit knapp 50 Milliarden erwartetem Umsatz, Facebook und Google – das sind die Rohstoffmonopolisten der Zukunft.

Big data ist das Spielfeld der Zukunft. Experten erwarten, dass in diesem Feld – in der Verarbeitung von Informationen, vor Allem in der Verarbeitung der Informationen über menschliche Interaktion und Verhalten – das größte Wirtschaftswachstum der Zukunft zu erwarten ist. Das Verhalten der Menschen wird zur Ware, die entstehende Masse an Informationen immer undurchschaubarer. Und daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung für Informatiker, die für andere Wissenschaftszweige nicht gilt.

Wir entwickeln uns zu einer Informationsgesellschaft. Ob wir dies wollen oder nicht ist irrelevant. Eine Informationsgesellschaft lebt von der Informationsverwaltung, vom Zugriff auf Daten, ihrer Vernetzung, der Strukturierung und der Durchsuchbarkeit der Daten. Wie diese abläuft, dies ist unsere Entscheidung. Wir können sie in wenige Hände legen, nicht die Daten aber das entstehende Wissen monopolisieren. Oder wir können versuchen, diese Entwicklungen zu erklären und begreiflich zu machen. Die Algorithmen, welche die Wahrnehmung unserer Welt steuern begreifbar machen oder verschleiern.

Es entsteht in jeder Sekunde mehr Wissen, als wir bewusst verarbeiten können. Wissen entwickelt sich schneller als unsere biologische Fähigkeit es aufzunehmen. Daten entwickeln sich schneller als unsere menschlichen Verarbeitung es begreifen kann. Daraus und aus der immer stärker werdenden Vernetzung von allem mit allem entsteht eine immer komplexer wirkende Welt, die von vielen nicht mehr begriffen wird. Verflachung der Debatten, Emotionalisierung der Politik und Radikalisierung der Gesellschaft sind Folgen davon. Damit wird aber die Informatik – also die AUTOMATION der Informationsverarbeitung immer wichtiger. Wenn wir die Daten nicht mehr biologisch in Wissen umwandeln können und wir unser Wissen nicht mehr selbst begreifen, müssen wir die automatischen Verfahren weiterentwickeln und perfektionieren. Und dann müssen wir entscheiden, welche Art von Wissen wir entwickeln und ob wir es begreifbar machen oder zentralisieren.

In der Politik wird gerne davon geredet, dass wir den Menschen mehr Medienkompetenz vermitteln müssen. Die Forderung nach einem „mündigen Bürger“ ist für mich persönlich ein Unwort geworden, da sie eigentlich nur Verantwortung delegieren möchte. Medienkompetenz kann nur dann funktionieren, wenn die schiere Datenmenge aufgearbeitet und begreiflich gemacht wird. Einen mündigen Menschen kann es nur geben, wenn es tatsächliche Wahlfreiheit gibt – und dafür müssen die Folgen des eigenen Handelns, der eigenen Datenmengen bekannt werden. Dies ist nicht zuletzt eine Aufgabe für jeden Einzelnen von uns hier. Dies ist eine Aufgabe für die Experten, die sich mit Informationsverarbeitung auskennen.

Die Informatik und die daraus folgenden Entwicklungen und Technologien greifen immer tiefer in die Welt und die Privatsphäre jedes Menschen mit ein. Der Computer ist mittlerweile der privateste Gegenstand eines Menschen, er enthält mehr Information als Tagebuch und Kalender zusammengenommen. Die Allgegenwärtigkeit von Handys führt zu Datenmengen, über die jeder Einzelne von uns in seinen Bewegungen und seinen sozialen Kontakten überprüfbar wird. Überwachung ist theoretisch überall möglich.

Soziale Netzwerke und die allgemeine Fortentwicklung der Technik – insbesondere der Informatik – bringen dies mit sich. Diese Entwicklung zu verdammen bringt uns nicht weiter, sie bringt uns sehr viele Vorteile und lässt sich sowieso nicht aufhalten. Aber wir müssen uns entscheiden, ob wir die negativen oder die positiven Entwicklungen dieser Trends stärken wollen.

Wir müssen uns mit diesen Folgen unseres Tuns und unserer Wissenschaft beschäftigen. Wir müssen die negativen Aspekte ansehen und versuchen sie zu reduzieren. Die Demokratisierung der Wissenskontrolle, die allgemeine Verfügbarmachung von soviel Wissen wie möglich müssen Themen für uns sein und werden. Wer sich beispielsweise mit Suchalgorithmen oder Datenstrukturierung beschäftigt, muss als Informatiker an Überwachungstechnologien denken und eine Folgenabschätzung vornehmen. Genauso, wie ein Physiker an potentielle Anwendungen in der Waffenentwicklung denken muss. Technologiefolgeabschätzung ist ein sperriges Wort – aber ich hoffe, dass es jedem von uns in Fleisch und Blut übergeben wird.

Die Informatik bringt die Möglichkeit zur freien Rede mit sich – aber auch die Möglichkeit, unliebsame Reden zu finden, Autoren zu suchen und das Verstecken unmöglich zu machen. Informatik ist Demokratisierung und Informatik ist Diktatur. Der Unterschied zwischen einer Diktatur und einer Demokratie ist nicht mehr als eine Konfigurationsdatei in Routern.

Informatik ist der Motor, der unsere Gesellschaft verändert. Diese Veränderung kann zum Guten sein – es kann tatsächlich eine demokratischere Gesellschaft entstehen, in der Informationen jedem zur Verfügung stehen, Wissen geteilt und vermehrt wird, Partizipation alltäglich ist und Privatheit, trotz aller technischer Möglichkeiten, respektiert. Oder es kann eine Gesellschaft entstehen, in der Wissen nur noch von den Begüterten gesichtet und gefiltert werden kann und in der die ständige Verfügbarkeit von Daten auch eine ständige Überwachung bedeutet.
Diese Wahl müssen wir uns immer vor Augen führen, gerade als Informatiker. Was wir erforschen kann als Waffe genutzt werden, unsere Arbeit zur Unterdrückung. Es ist unsere Verantwortung, dass wir uns dem entziehen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen alles Gute und eine Händchen für die richtige Entscheidung.

Vielen Dank.

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This Work, Absolventenrede Diplomverleihung Informatik der Uni Tübingen 2012, by Sebastian Nerz is licensed under a Creative Commons Attribution license.

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