Gestern war die lange angekündigte Tagblatt Debatte zur Zukunft der Innenstadt Tübingens. Eigentlich war auch die Anwesenheit von Oberbürgermeister Boris Palmer angekündigt. Aber wie so oft zog der eine Talkshow zu Bundesthemen der Debatte über die Zukunft der eigenen Stadt vor. Ich persönlich sehe den Aufgabenschwerpunkt eines Oberbürgermeisters ja eher in der Kommune und der Region als im Bund… Aber was solls, Baubürgermeister Soehlke hat Palmer mehr als würdig vertreten. Soehlke hat, wie übrigens alle Podiumsteilnehmer, erfreulich wenig dogmatisch geredet. Insofern war die Illner-Talkshow vermutlich ein Glücksfall für Tübingen.

Insgesamt fand ich das Podium aber nur begrenzt interessant. Sicher, man wollte keinen großen Dissenz darstellen sondern sich in Einvernehmlichkeit üben. Aber auch bei einer einvernehmlichen Debatte kann man stärker in die Tiefe gehen oder zumindest etwas konkreter werden.

Ich habe aus der Debatte mitgenommen, dass die Innenstadt ein neues Gesamtkonzept braucht. Sie muss sich zu einer Art „Flaniermeile“ weiterentwickeln. Ein Gesamtwerk, dass eben nicht mehr nur aus einer Ansammlung einzelner Geschäfte besteht, sondern einen erfreulichen Nachmittag oder einen verlängerten Abend in der Stadt ermöglicht.

Wie Herr Riethmüller vom HGV darlegte, wächst die Konkurrenz durch den Internethandel. Daneben formulierte er sehr große Angst vor Supermärkten und Discountern in den Stadtteilen. Mir ist nicht ganz klar warum. Die Supermärkte sind erforderlich, damit die Stadtteile halbwegs lebensfähig bleiben. Sie halten Menschen auch in der Stadt – wenn ich für die Erfordernisse des täglichen Lebens schon mit dem Auto zum nächstgelegenen Großmarkt fahren muss, kann ich auf dem Weg auch mal ein paar Bücher oder Textilien kaufen. Ich bin persönlich sehr glücklich auf WHO zu wohnen, wo es dann eben auch zwei Supermärkte, mehrere Bioläden und eine Drogerie gibt… Insofern kann ich nicht verstehen, warum der HGV sich so vehement gegen Supermärkte oder Drogerien in den Stadtteilen ausspricht.
Und von der Konkurrenzsituation her, ist dies kein wesentlicher Unterschied zum Internet. Rein preislich kann ein Innenstadthändler weder mit dem DM noch mit einem Internetshop konkurrieren. Aber das muss er auch nicht. Er kann ein anderes Einkaufserlebnis anbieten – besseren Service, freundlichere Beratung, die Einbindung in eine Flaniermeile mit Cafés, etc. Eben einen schönen Einkaufsbummel statt des hektischen Griffes zwischen den Getränken und der Fleischtheke.

Interessanterweise waren sich alle Podiumsteilnehmer auch einig, dass ein Gesamtkonzept für die Innenstadt sinnvoll wäre. Eine Planung mit offenen Cafés, einer Vielzahl an Bäumen und Bänken, eine hübschere und offenere Gestaltung der Plätze in Tübingen. Übrigens gibt es bereits jetzt einige sehr schöne Plätze, dafür braucht man keinen neuen an der Neckarbrücke. Nur sind die Plätze kaum sinnvoll genutzt. Der Holzmarkt ist eher eine unübersichtlich breite Straße als ein zum entspannen nutzbarer öffentlicher Platz.

Weniger einig war man sich bei der Verkehrsanbindung der Innenstadt. Dabei gäbe es dort ein paar sehr interessante und verhältnismäßig schnell umsetzbare Konzepte. So könnte man LTT-Europaplatz/HBF-Neckarbrücke-Holzmarkt-Rathaus-(eventuell noch Schloß/Haagtor/Saturn) wunderbar mit einem  elektrischen Kleinbus verbinden, der dort pendelt. Bei einem niedrigen Fahrtempo und einer kleinen Konstruktion, würde er die Fußgängerzonen nicht stören. Aber er würde die Läden sehr praktisch mit dem Bahnhof verbinden. Für die Finanzierung gäbe es unzählige Möglichkeiten.
Ich persönlich fände einen fahrscheinlos gestalteten Kleinbus sinnvoll. Die Kontrollen kosten sonst bald mehr als die Einnahmen betragen würden. Alternativ ließe sich das Tagesticket im Tübinger ÖPNV entsprechend erweitern. Damit würde man Tübinger aus den Stadtteilen zu einem Einkaufsbummel einladen: Mit dem Bus in die Stadt, mit dem Innenstadtbus zum einkaufen oder zu einem Ausflug, nach dem Einkauf zurück und wieder mit dem Bus heim.
Auch die Deutsche Bahn würde da sicherlich gerne mitspielen und Hin- und Rückfahrtscheine mit entsprechendem Touristenpass anbieten. Variationen davon wie bspw. Pedelecs im Verleih anzubieten wären möglich, aber jeweils umständlicher.

Neben dieser einfachen Verbindung der Einkaufs- und der Anfahrtmöglichkeiten, könnte die Innenstadt sehr viel freundlicher gestaltet werden (Flaniermeile mit Cafes und Bänken war ja bereits angesprochen). Aber auch ein innenstadtweites WLAN würde Gäste anlocken, wie die zahllosen Beispiele aus dem In- und Ausland belegen. Auch dieses ließe sich entweder kostenlos nutzbar gestalten oder eben mit dem Touristenpass kombinieren: Mit dem Bus in die Stadt und zurück, vor Ort den Innenstadtbus genutzt, WLAN-Pass ist auch mit dabei.
Aber auch verlängerte Öffnungszeiten der Gastronomie könnten helfen. Ich ärgere mich regelmäßig, dass ich nach einem späten Kinobesuch in der Stadt nicht mehr mit Freunden irgendwo nett essen gehen kann.

Eine solche freundlicher gestaltete Innenstadt würde mehr Besucher anlocken. Und wenn man „nur“ vor dem Kino- oder Theater noch mal schnell am Nonnenhaus einen Cappuccino trinkt, auf dem Weg ein gutes Buch holt und danach noch irgendwo eine Kleinigkeit isst…

Die Innenstadt kann nicht davon leben, dass sie den Menschen die Dinge des täglichen Lebens verkauft. Es ist gut, wenn man dort noch ein Paket Windeln kaufen kann – aber dies sollte auch in den Stadtteilen möglich sein und der Windelhandel wird die Altstadt nicht ruinieren. Zumindest dann nicht, wenn die Innenstadt attraktiv genug wird um zum Verweilen einzuladen. Dann müssen sich die Anwohner aber auch im Klaren darüber sein, dass man Gegensätze nicht immer vereinen kann. Ich kann nicht eine Erhöhung der Aufenthaltsqualität und –Dauer fordern und mich andererseits über Touristen beschweren. Der Verzicht auf Touristen wäre das Ende des Innenstadthandelns. Diesen Weg kann man gehen. Aber ich persönlich würde ihn bedauern – und die Altstadtbewohner, da bin ich mir sehr sicher, würden sich auch ärgern. Denn dann müssten sie demnächst wirklich für jede Kleinigkeit mit dem Auto raus zum Depot…

Insofern freue ich mich auf das nächste Konzept für eine Innenstadt, die zum Verweilen einlädt. Einig waren sich darüber gestern alle. Nur ob es kommt, da habe ich noch meine Zweifel. Die ersten Schritte wären einfach: Mehr Bänke, eine Neugestaltung der öffentlichen Plätze beginnen, Cafes öffnen, einen Minibus berechnen.

Zum Abschluß kann ich mich dem Aufruf von Herrn Riehtmüller nur anschließen: Eine schöne und verweilenswerte Innenstadt liegt im Interesse, aber auch in der Mitverantwortung der Händler. Die offene und ansprechende Gestaltung ihrer Läden obliegt ihnen. Und wenn wir in Tübingen ein bisschen mehr MIT- statt nur Gegeneinander sehen würden, ginge die Entwicklung vielleicht auch ein bisschen schneller. Die gestrige Debatte war da ein guter erster Schritt. Lassen wir einen zweiten folgen!

Das Tagblatt berichtet natürlich auch.

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This Work, Debatte über die Zukunft der Tübinger Innenstadt, by Sebastian Nerz is licensed under a Creative Commons Attribution license.

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