Tübinger Themen

6. Juli 2012 - 9:34 |

Gestern war ich auf einer Debattenrunde in Tübingen. Es ging dort um Tübingen in 20 Jahren - Träume und Alpträume. Das Konzept war durchaus interessant, nach den Impulsreferaten (8 Impulsgebern à 5min) wurden die Stühle vorne geräumt, so dass sich Zuschauer setzen konnten und so nach und nach einige Teilnehmer ihre (Alp)träume vortragen konnten.

Die Veranstaltung fand in der Tübinger Altstadt statt. Entsprechend waren auch primär Alt- und Innenstadteinwohner vertreten, was sich z.T. auch zeigte. So gab es deutlichen Widerspruch gegen meine Äußerung, dass Tübingen sehr grün (i.S.d. Farbe/Natur, nicht der Partei) und freizügig bebaut sei. Die Kernstadt wurde eher als eng empfunden.

Nun ist Tübingen tatsächlich eine der grünsten Städte Deutschlands, die Altstadt ist nur "eng" in dem Sinn, dass es verwinkelte (eben mittelalterliche) Straßen gibt. Verlässt man die Innenstadt, so steht man direkt im Grünen. Die Hänge sind zu weiten Teilen nur spärlich bebaut, der Stadtkreis ist Grün, an die Nordstadt schließt sich der Schönbuch an.

Was das aber tatsächlich zeigt ist, dass die Stadt mehr für die Pflege der Grünanlagen tun müsste. Ansätze dafür gibt es einige. So könnten bspw. engagierte Bürger Patenschaften für Grünflecken übernehmen, oder die Stadt könnte versuchen, die "Wiederbegrünung" über Spenden, Tourismusförderung, oÄ zu finanzieren.

Aber genug davon. Hauptpunkte bei der Veranstaltung waren der Verkehr (nach den Debatten um die unsägliche City-Maut kein Wunder) und die Anbindung der Stadtteile an die Innenstadt, die Beschilderung der Stadt, die Attraktivität der Stadt zum Einkaufen und verschiedene soziale Themen (vom Jugendcafé, über ein Vereinshaus und der Stärkung ehrenamtlichen Engagements bis zu einer Debatte über die Mietpreise und Altersarmut und die Vor- und Nachteile des geplanten Alkoholverbots auf öffentlichen Plätzen).

Insgesamt fand ich die Impulse - aber v.A. die unterschiedliche Sichtweisen - sehr interessant. Das Konzept bietet neue Sichtweisen, wenn auch mMn weniger aber dafür etwas längere Impulsreferate mehr Information hätten vermitteln können. Beispielsweise mit 3 x 15min Impulse, danach das bewährte Fishbowl-artige Diskussionskonzept. Auch wäre es interessant zu sehen, ob die Debatte an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Ergebnisse erzielen würde oder ob eine virtuelle Ergänzung (freie Sammlung im Vorfeld, Streaming und nachfolgende Debatte, oÄ) vielleicht weitere Aspekte einbringen konnte. So drehte sich mir die Debatte zu sehr um die Innenstadt und ihre Belange. Und so schön die Innenstadt auch ist: Tübingen besteht noch aus mehr. Und ich denke, wir müssen mehr für die Anbindung der äußeren Stadtteile und Dörfer tun, wenn wir seinen Charme erhalten wollen. Eine Mietpreissenkung in der Altstadt ist bspw. nicht zu erwarten, die äußeren Stadtteile werden aber nur dann attraktiver, wenn sie besser angebunden werden.

Tübingen ist die im Altersschnitt jüngste Stadt Deutschlands, das Verhältnis "Studenten pro Einwohner" ist sehr hoch, wir haben eine große und renommierte Uni, die Kinderbetreuung ist relativ gut (wenn auch nicht ausreichend) - das in Verbindung mit der grünen Lage könnte eine sehr interessante Ausgangslage für den zukünftigen Stadtwettbewerb sein. Wenn man nur die (noch bezahlbaren) Außenbezirke besser anbinden würde und die technologische und gesellschaftliche Entwicklung nicht verschlafen würde.

Tübingen könnte hier viel weiter sein. Dafür braucht es mehr Willen. Auch bspw. zur Bürgerbeteiligung, was gerade für eine so junge und innovative Stadt wichtig wäre. Aber leider bleibt die Stadt auch hier im Winterschlaf, während sie gleichzeitig ihre bisherigen Vorteile zerstört und bspw. die Grünflächen reduziert.

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This Work, Tübinger Themen, by Sebastian Nerz is licensed under a Creative Commons Attribution license.

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