Autorisierung und Fragen

23. April 2012 - 16:21 |

Kürzlich hat mich ein Journalist gefragt, wieso ich auf eine Autorisierung von Interviews bestehe. Das wäre doch unehrlich. Aus meiner Sicht ist es gerade andersrum - eine Autorisierung erzeugt "Waffengleichheit" zwischen Journalist und Politiker.

Zum Einen vermeidet sie Missverständnisse. Ein "Nicht" wird schnell man überhört und dann ist die Piratenpartei plötzlich gegen Datenschutz. Zum Zweiten sind die gedruckten Stellungnahmen in den seltensten Fällen auch so gefallen. Teilweise hat man noch nicht einmal über das Thema selbst geredet, ich hatte schon Zitate, die der Journalist aus "dem was ich über sie weiß" erschlossen hat. Nun ja ...

Ein Interview läuft sehr häufig als Gespräch ab. Häufig entsteht daraus dann ein längerer Fließtext, in den (mehr oder weniger sinngemäß) zitierte Aussagen einfließen. Da diese Aussagen so nicht gefallen sind, bestehe ich auf einer Autorisierung. Häufig geht es bei den Veränderungen nur um den Wortlaut. Teilweise werden aber auch mehrere Aussagen zusammengefasst, vereinfacht oder auf neue Situationen angewendet. Selbst bei der Interviewform (also wenn Fragen und Antworten veröffentlicht werden) sind die Gespräche fast nie so gelaufen, wie sie gedruckt wurden. Beinahe immer werden die Fragen bspw. nachträglich verändert - der Journalist stellt im Gespräch eine Frage, es kommt eine Antwort, diese wird (gekürzt und leicht modifiziert) gedruckt und die gedruckte Frage ist eine völlig andere.

Ein Beispiel? (fiktiv im Wortlaut, korrekt im Sinn)

"Was sagen Sie zu der Aussage von Martin Delius bzgl. des Vergleiches von NSDAP und Piratenpartei?" im Gespräch und "Martin Delius verglich die Piratenpartei mit der NSDAP. Fordern Sie seinen Rücktritt?" im Text. Natürlich kann mit solchen Veränderungen auch der Sinn einer Antwort völlig zerstört werden (im konkreten Beispiel eher weniger. Aber es fließen teilweise auch Unterstellungen mit in die Frage ein oder neue Fakten werden erwähnt).

Oder ein Gespräch mit mehreren Journalisten geht über 1-2h. Gedruckt wird dann ein Exzerpt, der nach einem 20min Gespräch aussieht. Logischerweise gibt es dabei Verweise auf frühere Gesprächsinhalte. "Das ist jetzt eine Frage, für die ich einen Shitstorm kassieren würde." (wiederum nicht wörtlich) im FAZ-Interview bezog sich bspw. auf eine frühere Frage der Journalisten. Wir redeten über Shitstorms und ich meinte, dass man bei manchen Fragen bereits im Vorfeld wüsste, dass sie kritisch sind. Dann habe ich noch erklärt, warum ich keine Angst vor einem Shitstorm habe und warum das ein normaler Teil der Auseinandersetzung sein kann bzw der Begriff überzogen wird. Wenn dann aber dieser Teil nicht gedruckt wird, dann sind die Aussagen ohne Kontext seltsam.Interessanterweise fällt einem selbst das teilweise nicht mehr auf - man liest den Interviewtext, kennt ja den Kontext der Antworten und *schwupps* ist wieder ein Missverständnis autorisiert. Shit happens und so.

Und deshalb fordere ich Autorisierungen. Das werfe ich übrigens den Journalisten gar nicht vor. In den seltensten Fällen sind das bewusste Verschiebungen, häufig soll nur der Text geglättet werden oder entstehende Probleme sind dem Journalisten gar nicht bewusst. Von daher schützt die Autorisierung in dem Fall dann beide Seiten.

Was ich bei Autorisierungen NICHT mache ist meine Aussagen zu verfremden. Wenn ich etwas gesagt habe, dann stehe ich dazu. Aber auf Autorsierungen verzichte ich trotzdem nicht. Zumindest nicht, solange die Journalisten nicht auf ihre Veränderungen verzichten. Ein "Live to Paper"-Interview. 8-15min, das Gespräch wird aufgezeichnet, das 1:1 Transkript gedruckt. Alle Fragen, alle Antworten, wenn mehrere Journalisten anwesend sind, werden die Fragen entsprechend gekennzeichnet. Dann wäre ich auch bereit auf eine Autorisierung zu verzichten. Aber bislang wurde mir das noch nicht angeboten.

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  1. Gast (nicht überprüft) on 1. Mai 2012 - 9:26

    die piratenpartei sollte sich wirklich fragen,
    ob der neue vors. nicht der abgesang der partei ist.
    mein cousin ist auch regierungsdirektor in berlin mit 2 kindern, und der hat keine zeit für politische
    ambitionen, da hat er als regierungsdir. sehr viel zu tun.
    bei eurem neuen vorsitzenden wird eine kollision
    der interessen unvermeidlich sein

    mfg j.gromotka