Okay, zugegeben: Der Titel ist erst einmal polemisch überspitzend. Das gebe ich gerne zu. Macht aber nichts, der Text an sich sollte es nicht sein.

Seit einiger Zeit twittere ich zum #FishFriday, meiner eigenen Form des #ff. Das war zwischendurch ein wenig eingeschlafen, jetzt will ich es wieder anfangen. Was steckt dahinter?

Die Ozeane sind für das Klima auf der Erde von unmittelbarer Bedeutung. Nicht nur weil sie als gigantische Energiespeicher und -verteiler funktionieren (vgl. globale Meeresströmungen), auch weil sie CO2 binden. Sie nehmen bspw. etwas mehr als die Hälfte des menschlich produzierten CO2 auf: Es löst sich im Wasser oder wird im Phytoplankton gebunden. (Quelle)
Gleichzeitig produzieren die Meereslebewesen etwa die Hälfte des Sauerstoffs auf der Erde. (Quelle) Sie sind damit effektivere und wichtigere Lungen der Erde, als es alle Regenwälder zusammen sind.

Damit sind wir ganz direkt abhängig vom Zustand der Weltmeere. Nicht nur um daraus Nahrungsmittel zu gewinnen, sondern auch weil wir langfristig ohne die Weltmeere ersticken würden.

Nun könnte man meinen, dass die Ozeane zu groß sind um von uns ernsthaft betroffen zu sein. 70,8% der Erdoberfläche sind von Meeren bedeckt. Das ist eine gewaltige Fläche. Aber leider ist das falsch. Wir wissen beispielsweise, dass eine Klimaerwärmung auch zu radikalen Veränderungen der Meeresströmungen führen kann. (Quelle) Zudem sind viele Meereslebewesen relativ empfinden was Veränderungen ihres Lebensraums angeht. Temperaturschwankungen oder Schwankungen des PH-Wertes (bspw. durch zu viel gelöstes CO2) führen zu Problemen bis hin zum Untergang ganzer Ökosysteme. (Korallenbleiche)

Das Ökosystem der Ozeane ist hochkomplex. So komplex, dass wir es in weiten Teilen noch nicht verstehen. Wir wissen aber, dass kleine Veränderungen bereits große Wirkungen haben können. So führt bspw. der Handel mit Tritonschnecken dazu, dass es zu wenige von ihnen gibt. Das wiederum führte zu einem sprunghaften Wachstum von Dornenkronen-Seesternen, die sich begeistert von Korallen ernähren. Man befürchtete das Ende des Great Barrier Reefs - zum Glück wiederum sind die Dornenkronen-Seesterne teilweise wieder verschwunden, auch wenn man nicht genau weiß warum. Die Ökosysteme sind schlicht noch zu komplex um die Folgen unseres Handelns zu verstehen. (Blog zum Great Barrier Reef) Aber keine Angst: Entwarnung kann man nicht geben, die Situation in Australien dreht sich wieder. Nicht zuletzt auch weil zu viele Düngemittel und andere Produkte der Agrarindustrie in die Ozeane geleitet werden. Das führt zu einer Algenschwemme die dann bspw. wieder zu einem Anstieg der Dornenkronen-Population führt. Und da er keine Fressfeinde mehr hat ... (die Algenschwemme und die Düngemittel haben noch andere negative Effekte für das Korallenriff (ZDF-nano-Beitrag), Quellen dafür finden sich genug).

Und nicht zuletzt sind die Ozeane eine wichtige Quelle für Nahrungsmittel. Etwa 110 Millionen Tonnen jährlich stammen aus den Weltmeeren. (Quelle) Dummerweise ist das eine viel zu hohe Zahl. Zwischen 1950 und heute hat der Fischfang sich beispielsweise mehr als vervierfacht. Wir wissen, dass es bereits 1950 zu negativen Auswirkungen der Überfischung kam - wie viel krasser wird das wohl heute sein. So stehen beispielsweise die Sardinenbestände vor einem Zusammenbruch. (Quelle) Auch der rote Thun steht kurz vor dem Aussterben. (Quelle)
Ich will hier jetzt nicht alle Arten aufzählen, da über ein Viertel aller Bestände (in der EU sind es bspw. bis zu 88%) überfischt werden. (Überfischung) Aber das ist auch kein Wunder - Fischfang wird stark subventioniert, die Fischfangquoten aus politischen Gründen regelmäßig viel zu hoch angesetzt. Es erinnert mich ein bisschen an die Debatten um den Kohleabbau in den 90er Jahren. Jeder wusste, dass es nicht so weiter gehen wird, dennoch bildete man neue Bergarbeiter aus und benutzte diese dann als Argment für weitere Förderungen.
Eine verantwortungsvolle Politik hätte den Fischfang schon vor Jahrzenten massiv eingeschränkt und Schritt für Schritt die entsprechenden Industrieren verkleinert. Heute ist das Problem nur noch größer geworden - die Schritte werden also schmerzhafter werden.

Aber ich wollte ja (noch) nicht konkret über Überfischung reden, sondern erst einmal noch beim Ökosystem OZean bleiben. Wir wissen also, dass die Ozeane für unser Überleben von entscheidender Bedeutung sind. Wir wissen, dass kleine Veränderungen große Auswirkungen haben können. Wir wissen auch, dass es kein beliebiges Pflanzenwachstum geben kann: ohne ein gesundes Ökosystem im Hintergrund kollabieren Gewässer (Eutrophierung).
Wir bedrohen jetzt aber dieses Ökosystem in weiten Bereichen. Durch Überfischung greifen wir massiv darin ein. Wir nehmen beispielsweise immer mehr Raubtiere aus der Gleichung. Immer mehr Haiarten sind vom Aussterben bedroht. (200bar, Greenpeace) Betroffen sind beispielsweise mehr als die Hälfte der wandernden Hai-Arten - und wir haben keine Ahnung, welche Auswirkungen dies auf das Ökosystem haben wird.

Und ein Ökosystem, von dem wir immer noch nicht genug verstehen. Jeden Tag werden neue Arten gefunden, jeden Tag stellen wir fest, dass das bisherige Wissen über die Weltmeere unzureichend und in Teilen falsch war. (KSTA zu neuen Arten) Und obwohl wir so wenig davon verstehen, greifen wir massiv in dieses Ökosystem ein ... In ein Ökosystem von dem wir abhängig sind.

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This Work, #Fishfriday - oder: Sterben Fische stirbt der Mensch, by Sebastian Nerz is licensed under a Creative Commons Attribution license.

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