Der Kegelklub hat heute seine Umfrage zur Geschlechterdiskriminierung in der Piratenpartei veröffentlicht. (Eine leider! vorab veröffentlichte Analyse des Tagesspiegels gibt es hier *). Die Ergebnisse sind ein Must-Read und regen (leider) zum nachdenken an. Wir sind bei weitem nicht so gut, wie wir das eigentlich sein müssten. Ich hoffe, dass irgendjemand die Umfrage mal in Relation zu den entsprechenden gesamtgesellschaftlichen Zahlen stellt ... es wäre zumindest für mich sehr wertvoll zu wissen, wo wir überdurchschnittlich große (oder kleine) Lücken haben. Insgesamt aber zeigt es auf, das wir noch etwas zu tun haben.

Aber darüber möchte ich an dieser Stelle noch nicht reden, ich muss mich erst weitergehend mit den Ergebnissen beschäftigen. Ich habe die auch erst heute gesehen ;-)

Mir geht es um ein anderes Thema, das wir derzeit in der Piratenpartei diskutieren - und zwar "Klarnamen" bzw. die Verpflichtung "offen" zu seiner Meinung zu stehen und Abstimmungen zu veröffentlichen. Mir ist durchaus klar, dass es keine sinnvoll nachvollziehbare Möglichkeit gibt, ein Abstimmungssystem zu schaffen ohne irgendwo direkte oder indirekte Klarnamen zu verwenden. (Wobei es mir in der Bewertung erst einmal egal ist, ob es sich um einen Klarnamen im eigentlichen Sinn handelt oder um eine beliebige ID, die direkt einer Person zugeordnet werden kann (bspw. Mitgliedsnummer)).

In der Kegelklubumfrage wurde auch gefragt:

Würdest Du folgender Aussage zustimmen: "In der Piratenpartei traue ich mich, meine Meinung zu äußern, auch wenn sie nicht der Mehrheitsmeinung entspricht"

Und das Ergebnis sollte uns stutzig machen, wenn wir über Klarnamen reden.

Disclaimer: Ich habe absolut keine Zweifel daran, dass es innerhalb der Piratenpartei einfacher ist seine tatsächliche Meinung offen zu sagen, als dies gesamtgesellschaftlich der Fall ist. Und ich habe ebenso keine Zweifel daran, dass ein Großteil der Antwortenden, von einer "Parteiöffentlichkeit" ausgegangen ist und nicht von einer echten Öffentlichkeit.

53,1% der Befragten haben der Aussage "voll" zugestimmt. Wertet man "Stimme eher zu" noch als Zustimmung (was ich bei strittigen Fragen NICHT täte!) sind es 88%. Das bedeutet, dass wir bei einer ID-Verpflichtung zwischen 12% und 46,9% der Parteimitglieder verlieren würden. Also im Zweifelsfall genau die Minderheiten, die in einer Demokratie unbedingt zu Wort kommen müssen. Übrigens haben nur 38% der Frauen dieser Aussage "voll" zugestimmt, zusammen mit "stimme eher zu" wären es 76% - eine ID-Verpflichtung würde also auch geschlechter-diskriminierend wirken.

Jetzt muss man noch in Betracht ziehen, das viele Menschen eher geneigt sind sich bei Umfragen positiver darzustellen. Das ist unterbewusst. Wer noch nicht in einer Situation war, in der er eine (vielleicht unbeliebte) Minderheitsmeinung vertreten musste, der kann sich diese Situation nicht richtig vorstellen und neigt eher dazu, seine Stressresistenz zu überschätzen. D.h. von denjenigen, die hier "stimme voll zu" oder "stimme eher zu" gesagt haben, würden wir doch noch einige verlieren. Oh und wir müssen beachten, dass es nicht um eine flüchtige Meinungsäußerung an einem Stammtisch (also quasi unter Freunden) geht sondern um eine mitgeschriebene, veröffentlichte, auf alle Zeit sichtbare Abstimmung zu z.T. heiklen politischen Themen. Oh und es geht nicht um tatsächliche Minderheitsmeinungen - sondern um empfundene. Eine laute Minderheit kann den Eindruck erwecken, dass sie für die Mehrheit sprechen würde, die Frage "kann ich mich offen beteiligen" wird also verzerrt.

Ich will das gar nicht weiter kommentieren, sondern den Fakt für sich wirken lassen. Eine Ergänzung erlaube ich mir aber noch: Beobachtung verändert das Verhalten. Jeder von uns hat das schon erlebt. Diese Umfrage bestätigt es noch einmal. Nur wenn wir erlauben, dass man sich dieser Beobachtung entzieht, können wir sicherstellen, dass sich jeder offen und ehrlich in die politische Willensbildung einbringt. Deshalb gibt es geheime Abstimmungen auf Parteitagen, deshalb gibt es geheime Wahlen, deshalb gibt es eben diese in vielen Diktaturen nicht.

Alles Weitere ... später.

(Eine kleine Ergänzung: Unter den Piraten die angekreuzt haben, dass sie mal ein Amt hatten, lag die "Stimme voll zu" Quote bei 55,7%, unter denjenigen, die mal ein Amt wollen bei 57,9%, und diejenigen die "eventuell" gesagt haben bei 55,2%)

* EDIT Zur Klarstellung: ich kenne und kannte die Sperrfristen nicht, die der Kegelklub bei der Umfrage an die Presse gegeben hat. Ich will hier dem Tagesspiegel auch nicht den Vorwurf machen, dass sie gegen solche verstoßen hätten. Das "Vorab"  bezog sich auf eine Veröffentlichung vor der Präsentation. Was zwischen Tagesspiegel und Kegelklub abgesprochen ist, das müssen die beiden Parteien wissen.

EDIT 2: Ein weiteres Kurzkommentar von mir zur Umfrage hier

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This Work, Kegelklub-Umfrage - Von der offenen Minderheitsmeinung, by Sebastian Nerz is licensed under a Creative Commons Attribution license.

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  1. piratensympathisant (nicht überprüft) on 7. April 2012 - 22:54

    lieber herr nerz,
    da du ja oft in der öffentlichkeit auftrittst und außerdem um das bild der piraten in der öffentlichkeit bemüht bist, ein kleiner hinweis:
    du wirkst manchmal als wäre es deine partei. ist es aber nicht. etwas mehr demut und zurückhaltung bezüglich deiner person würde den idealen der piraten, dir und der außenwirkung gut tun.
    nicht böse gemeint, machst deinen job gut, geht aber besser :)
    j

  2. Frauen bei den Piraten: Allein unter gottgleichen Alpha-Jun (nicht überprüft) on 8. März 2012 - 12:08

    [...] meint Niemeyer. Oder ein Vorschlagssystem für Führungsposten. Parteichef Sebastian Nerz versprach auf seinem Blog, sich die Ergebnisse der Umfrage genau anzuschauen. Mehr weibliche Identifikationsfiguren in den [...]

  3. lupino (nicht überprüft) on 8. März 2012 - 11:39

    Das Klassische Problem mit dem Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation bei Statistiken: „Ich kann meine Meinung sagen“ und „Ich trete aus, wenn ich dafür meinen Klarnamen nennen müsste“ sind zwei voneinander unabhängige Probleme. Man könnte beispielsweise die Frage stellen, warum die 12-46% sich jetzt schon weigern, offen ihre Meinung zu sagen, obwohl sie jetzt noch die Möglichkeit haben, das anonym zu tun. Da offenbaren sich Probleme, die jetzt schon bestehen, unabhängig ob es ID-Pflicht gibt, oder nicht!

    Ich halte das „Steh zu deiner Meinung“-Sprech selbst für realitätsverkennende Philanthropie, aber mit so einer „Argumentation“ überzeugt man imho niemanden.

  4. tirsales on 8. März 2012 - 11:42

    Klar: Wir haben da heute schon ein Problem. Nur ist es keine Lösung, wenn wir dieses Problem dann noch verschärfen. Wünschenswert wäre es, wenn jeder sich offen zu seiner Meinung und Haltung bekennen könnte, auch in strittigen Punkten. Aber diese Situation und diese Gesellschaft haben wir schlicht nicht. Und solange das der Fall ist, müssen wir damit auch arbeiten.

    Zudem: Es ist ein Unterschied, ob Du in einer Debatte eine offensive Position vertreten und den Gegenüber überzeugen möchtest, oder ob Du dich nur an einer Abstimmung beteiligen willst. Letztere Möglichkeit besteht heute noch Anonym (geheime Abstimmung am BPT) und würde mit einem Online-Beschlusssystem wegfallen.

  5. crackpille (nicht überprüft) on 8. März 2012 - 15:05

    Wenn man nicht gerade alle Parteitage abschaffen will, bleibt die Möglichkeit der geheimen Abstimmung über einzelne Punkte aber bestehen.

  6. Teresa (nicht überprüft) on 8. März 2012 - 15:24

    „bleibt die Möglichkeit der geheimen Abstimmung über einzelne Punkte aber bestehen“

    Nicht nur wird man ausgepfiffen, wenn man eine geheime Abstimmung fordert, nein, es gibt sogar einzelne Personen (auf deren Meinung leider zu oft gehört wird), die die Hürden für geheime Abstimmungen so hoch legen wollen, dass sie de facto nicht mehr vorkommen würden. Eine geheime Abstimmung wurde dort generell als Hindernis und Blockade dargestellt.

    (und ja, Vorkommnisse wie dieser in Offenbach waren auch ein Grund für meinen Austritt)

  7. tirsales on 8. März 2012 - 15:09

    Es gibt bereits auf einem BPT Pfiffe, wenn man eine geheime Abstimmung fordert (und ja, das ist ein Problem).

    Wenn jetzt bei einer Online-Abstimmung eine 6-monatige Vertagung zur geheimen Abstimmung gefordert wird ... das verlangt eine ganze Menge Rückgrat. Und genau deshalb ist es keine echte Lösung, Betroffene werden das kaum machen.
    Außerdem würde sich damit ein fantastisches Trollmittel anbieten (immer geheime Abstimmung fordern setzt effektiv ein Online-Abstimmungssystem außer Kraft).

    Das ist also keine echte Lösung. Wir müssen eine andere entwickeln.

  8. crackpille (nicht überprüft) on 8. März 2012 - 15:35

    Der Parteitag ist nicht darauf angewiesen, das ein online tagendes Organ beschließt, etwas auf einem Parteitag geheim abstimmen zu lassen.

    Als höchstes Organ der Partei kann der Parteitag jede Entscheidung schlicht und einfach revidieren - offen oder geheim, auch das ist seine Entscheidung. Und da es ja selten um kurzfristige Entscheidungen gehen wird sondern um Programmatik, werden da auch in der Zwischenzeit keine Fakten geschaffen.

    Was das auspfeifen angeht, stimme ich dir teilweise zu. Ein gewisses "AntiTroll-Quorum" sehe ich aber schon als erforderlich an. Nur kriegste von der Bühne 10% oder so schwer beurteilt.

  9. tirsales on 8. März 2012 - 15:38

    DAS ist erst recht kein Argument. Ich kann nicht in einem BESCHLUSSsystem sagen "Okay, Ungerechtigkeit ist kein Problem, ein anderes Organ kann das ja korrigieren".

  10. Gast (nicht überprüft) on 8. März 2012 - 15:48

    Wir reden nicht über Ungerechtigkeiten, sondern die Unmöglichkeit einer geheimen Abstimmung an dieser Stelle.

    Die Möglichkeit der Kontrolle über den BPT ist da eine pragmatische Lösung.

  11. tirsales on 8. März 2012 - 15:53

    Korrigiert würden die Fehler genau dann wenn sich dadurch nichts ändern würde, wenn also alle Entscheidungen noch einmal auf dem BPT überprüft würden, dort diskutiert und entschieden und vorher keine Effekte herbeiführen. Dann hätten wir aber genau das jetzige System - nur mit einem heftigen Verwaltungsoverhead.

    Mal abgesehen davon, dass wir sonst im Bestenfall die Situation hätten, das eine undemokratisch zustande gekommene Entscheidung für ein paar Monate im Raum steht und danach zurück genommen wird. Das wird die programmatische Arbeit nicht voranbringen - und die empfundene Zuverlässigkeit der Partei auch kaum erhöhen. Eine nachgeordnete Kontrollinstanz funktioniert nicht. Ein Beschlusssystem *an sich* muss demokratischen Prinzipien genügen, Minderheitenschutz gewährleisten und eben diese "Anpassung an die empfundene Mehrheit" vermeiden.
    Öffentliche Abstimmungen können das nicht.

  12. crackpille (nicht überprüft) on 8. März 2012 - 16:00

    Naja, ich denke wir kommen hier im Blog da nicht auf nen Konsens; allerdings finde ich es gut und es entspricht ja auch dem status quo, dass Abstimmungen regelmäßig offen sind.

    Von daher sprechen wir hier von Ausnahme- und keinen Regelfällen.

  13. tirsales on 8. März 2012 - 16:04

    Offen ja. Nachprüfbar i.S.v. nachträglich kontrollierbar wer wie abgestimmt hat? Nein. Und das ist ein wesentlicher Unterschied.

    Und nein, fast 50% sehe ich nicht als Ausnahme. Und selbst wenn - Minderheitenschutz ist eine zentrale Forderung in der Demokratie.

  14. crackpille (nicht überprüft) on 8. März 2012 - 16:26

    Mhh ich wollte dir eigentlich das letzte Wort lassen, aber leider verstehe ich es nicht. ^^ Fast 50%?? Wir haben doch keine 50% geheimer Abstimmungen auf nem Parteitag!

    Und zu nachträglich kontrollierbar: Wir haben Fotos, Streams, und Aufzeichnungen davon; wer weiß schon, ob daraus nicht in 5 oder 10 Jahren eine Software ein Abstimmprotokoll erstellen kann?

  15. tirsales on 8. März 2012 - 17:27

    Die Fotos/Videos zeigen bei weitem nicht den ganzen Saal.

    Fast 50% Betroffene ;)

    edit: Typo korrigiert.