Endlich erkennt auch die Gesundheitsministerin es an: Wir haben einen Ärztemangel - und dieser ist regional unterschiedlich ausgeprägt. Gleichzeitig erkennt die Ministerin - wenn auch indirekt - an, dass Studiengebühren abschreckend wirken.

Wie sonst soll der Vorschlag interpretiert werden, Medizinstudenten die Studiengebühren zu erlassen, wenn sie sich verpflichten, 5 Jahre in Strukturschwachen Regionen eine Praxis zu leiten ..

Auf den ersten Blick keine schlechte Idee - immerhin haben wir tatsächlich einen Ärztemangel in ländlichen Gegenden. Aber andererseits ... die Studienplätze sind ausgebucht, mittlerweile liegt die Wartezeitquote bei 11 Semestern... Statt also mehr Studenten ins Medizinstudium zu locken, müssten Universitäten mehr Geld erhalten um mehr Studienplätze anbieten zu können. Gleichzeitig müsste die Anzahl der Weiterbildungsplätze in Krankenhäusern entsprechend erhöht werden. (Ganz abgesehen davon, dass Studiengebühren eine Regelung der Bundesländer sind, die Bundesministerin hat darauf also wenig Einfluss...)

Dann kommt noch ein weiteres Problem: Warum wollen Ärzte keine Praxis in ländlichen Regionen führen? Ganz einfach: Wie sie dort zu wenig verdienen - nicht zu wenig um sich einen Porsche leisten zu können, sondern zu wenig um die Praxis finanzieren zu können. Im aktuellen Modell kann ein Arzt es sich also überhaupt nicht leisten aufs Land zu gehen... Die Ursachen sind vielfältig: Zu geringe Entlohnungen bei Kassenpatienten, viel zu geringe Pauschalen (auf dem Land, bei langen Fahrtstrecken, besonders gravierend) bei Hausbesuchen, zu hohe Belastung durch unnötige - aber vorgeschrieben - Verwaltungsarbeit, zu hohes Risiko durch die unabsehbare Entwicklung der Tarife, etc

Welcher Medizinstudent sollte sich also tatsächlich auf diesen Vorschlag einlassen, für die ersparten Studiengebühren ein solches finanzielles Risiko auf sich zu nehmen? Und warum werden Studiengebühren dann nicht einfach prinzipiell wieder abgeschafft?

Oder - um einen echten Anreiz zu schaffen - die Tarife so angepasst, das Leistung angemessen entlohnt wird und die leidigen Pauschalentlohungen endlich wieder abgeschafft werden? Bei jedem Handwerker zahle ich in Abhängigkeit der Fahrtstrecke und der benötigten Arbeitszeit - wieso muss dies bei einem Arzt anders sein?

Und wieso ist sich Frau Schmidt so sicher, dass "80% der Ärzte" in den ländlichen Regionen bleiben werden? Gibt es dazu eine Statistik - oder eine Untersuchung - die noch nicht veröffentlicht wurde?

Weiterhin schlägt die Ministerin vor, dass quasi mehrere Ärzte sich eine Praxis teilen:

Das könnte so laufen: An jedem Tag der Woche kommt ein anderer Arzt, am Montag der Internist, Dienstag der Augenarzt und Donnerstag der Orthopäde

Ah ja - und die bringen jeweils ihre eigenen Arzthelferinnen und Praxiseinrichtungen mit? Oder verzichtet der Augenarzt dann auf seine Spezialinstrumente, weil der Internist auch keinen Ultraschall hat?

Alles in Allem - auf den ersten Blick eine interessante Idee - aber mal wieder weder funktionsfähig noch durchdacht.

Quellen:

  • Zeit: Schmidt will Mediziner mit "Landarzt-Bonus" locken
  • Welt: Ulla Schmidt will junge Ärzte aufs Land locken

 

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